Strick-mich-Wolle Esslinger Zeitung vom 10.11.2012

pdfEZ10.11.2012.pdf663.66 KB

Esslingen – Wer sich vor drei, vier Jahren mit Strickzeug in der Öffentlichkeit zeigte, war entweder Oma oder Öko. Das hat sich gründlich ge- ändert: Handarbeiten ist hip. Im Internet zum Beispiel tauschen sich Millionen Strickerinnen und Stricker in Foren aus oder verabreden sich, zur selben Zeit dasselbe zu stricken. Auch Franziska Pahl (62) und ihre Tochter Inken Luik (30) sind vom Wollvirus infiziert. Die beiden Frauen wollen auch andere anstecken und bieten jetzt in der Vorweihnachtszeit Strickkurse und -treffs in Esslingen an. Franziska Pahl hat schon mit zwölf ihren ersten Pulli gestrickt. Das ist ein halbes Jahrhundert her. In den 70er- und 80er-Jahren hat sie schon einmal eine Strickwelle mitgemacht. „Damals war das auch so ein Hype. Ich erinnere mich an Fledermausärmel und grafische Muster.“ Dieses Mal werde die Epidemie nicht so schnell wieder verebben, glaubt die Verwaltungsangestellte. Sie ist Teil des Trends zur Regionalisierung, zur Rückbesinnung auf alte Fertigkeiten. „Man kann etwas von Generation zu Generation weitergeben und so auch etwas von sich dalassen“, sagt Inken Luick. Sie hat das Stricken zwar von ihrer Mutter gelernt, so richtig auf den Geschmack gekommen ist die Krankenschwester aber erst vor wenigen Jahren. Dann aber gleich so heftig, dass sie inzwischen ihre Wolle selbst spinnt, färbt und sie in ihrem Hofladen in Esslingen-Oberhof verkauft (www.strick-mich-wolle.de). „Stricker sind ein bestimmter Menschenschlag“, hat sie festgestellt. „Sie haben sehr oft Haustiere, sie sind häusliche, familiäre Typen und sie sind immer heiß auf Neues.“ Sie erinnert sich an ein Gespräch, das sie kürzlich auf einer Party geführt hat: „Da habe ich mich mit einer jungen Frau unterhalten, die gerade geheiratet hatte und jetzt unbedingt stricken lernen will. Das ist ein ganz typischer Zeitpunkt dafür – der Beginn der häuslichen Phase sozusagen“, erzählt Inken Luik.

 

Männerstricken Funktionales

Die Teilnehmer an den Strickkursen, die die beiden geben, sind häufig Frauen zwischen 30 und 40, die in der Schule kaum noch Handarbeitsunterricht hatten. Auch Männer waren schon dabei. „Männer stricken meistens Funktionales, Socken oder auch mal einen Pulli“, sagt Franziska Pahl. Oder sie gehen gleich in Richtung Design und entwerfen StrickLampen oder -Christbaumkugeln. Inken Luik mag den sozialen Aspekt des Nadelspiels. Über das Internet habe sich eine „Strickszene“ entwickelt. Sie tauscht sich über Facebook mit anderen über Trends und Muster aus, häufig erreichen sie auch digitale Hilferufe, wenn jemand Probleme mit seinem Strickzeug hat. Franziska Pahl ist viel auf ravelry.com unterwegs, einer englischsprachigen Seite. „Das ist das Strickforum schlechthin“, sagt sie – kein Wunder, denn aus den USA ist die neue Strickwelle nach Deutschland herü- bergeschwappt. Inzwischen gibt es auf ravelry. com auch viele deutschsprachige Unterforen. Da verabredet Franziska Pahl sich zum Beispiel zu einem „Knitalong“ – das heißt, eine Gruppe strickt zur selben Zeit die selbe Anleitung. Wenn man auf ein Problem stößt, kann man fragen, wie andere es gelöst haben oder auf welchem Blog sie Tipps gefunden haben. Im Advent zum Beispiel gibt es Anleitungen in 24 Teilen. An Heiligabend kettet man das Stück gemeinsam ab. Weil’s gemeinsam schöner ist, hat Inken Luik hat auch schon an sogenannten Zugsockings teilgenommen: Da trifft sich eine Gruppe zur Strickreise per Bahn. Am Ende der Strecke steht oft ein Wollladen, damit man seine Vorräte auffrischen kann (www.zugsocking.de). Eine 80-jährige Kundin hat Inken Luik erzählt, dass man sich früher niemals mit einer Strickarbeit im Zug oder im Café gezeigt hätte, weil man damit zeigte, dass man zu arm war, um sich etwas Fertiges zu kaufen. Heute muss man sich mit seiner Handarbeit nicht mehr verstecken. „Das uncoole Image ist weg“, findet Inken Luik.

STRICKKURSE UND -TREFFS

Jeden zweiten Freitag im Monat lädt Inken Luik ab 17 Uhr zum (kostenlosen) Stricktreff ins Café Mayer, Unterer Metzgerbach 18 in Esslingen. Nächster Termin: 14. Dezember. Infos: www.strick-mich-wolle.de Franziska Pahl bietet am Donnerstag, 15. November, von 19 bis 21 Uhr in der Volkshochschule Esslingen den Kurs „Stricken – Mütze“ für Anfänger und Fortgeschrittene an. Je nach Kenntnisstand kann man unter verschiedenen Mustern wählen. Informationen und Anmeldung: www.vhs-esslingen.de Der zweitägige VHS-Workshop „Stricken – Socken“ mit Franziska Pahl findet statt am Freitag, 16. November, 19 bis 21 Uhr, und am Samstag, 17. November, von 10-14 Uhr. Franziska Pahl zeigt verschiedene Fersenarten – von einfach bis kompliziert.

EINFACHE STRICKANLEITUNG FÜR EINE MÜTZE (VON FRANZISKA PAHL)

Wir schlagen 74 Maschen mit einer Wolle an, die für 4,5er Nadeln geeignet ist. Diese 74 Maschen verteilen wir entweder auf einNadelspiel (4Nadeln und 1 benötigen wir zum Stricken) oder eine Rundnadel mit 40 cm Länge. Wir schließen die angeschlagenen Maschen zur Runde indem wir einfach in die nächste angeschlagene Masche einstechen und ringsum rechte Maschen stricken. Den Anfang markieren wir entweder mit einer Sicherheitsnadel oder mit einem bunten Faden. Wir stricken jetzt 4 Reihen rechte Maschen, danach 4 Reihen linke Maschen. Dieses Muster behalten wir bis zum Ende der Mütze bei. Nach 32 Reihen stricken wir jede 6. und 7. Maschen zusammen. Dann stricken wir weitere 8 Reihen in der oben beschriebenen Musterfolge. Jetzt stricken wir jede 5. und 6. Maschen zusammen. Wir strickenweitere 5Reihen und stricken danach jeweils in der zweiten Reihe die 4. und 5. Masche zusammen, dann die 2. und 3. Masche. Das wiederholen wir so lange, bis noch 8 Maschen auf den Nadeln sind. Jetzt schneiden wir den Faden ab, lassen ein langes Stück, damit wir diesen Faden durch die vorhandenen 8 Maschen ziehen können und danach den Faden vernähen. Jetzt vernähen wir noch die Anfangsfäden. Fertig ist die Mütze. E

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich, unter Kenntnisnahme unserer Datenschutzerklärung, mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Datenschutzerklärung OK